
Wo Lernen lebendig wird
An der Freien Waldorfschule Hannover-Maschsee entstand daraus ein ganz besonderer Ort: Ein neues Zuhause für unsere zukünftigen Schafe – geschaffen mit vielen fleißigen Händen, großer Begeisterung und ganz viel Herz.
In der dritten Klasse haben wir die Handwerker- und Hausbauepoche aus dem Klassenzimmer hinaus ins wirkliche Leben getragen. Ein alter Schafstall auf unserem Schulgelände wartete darauf, wieder zum Leben erweckt zu werden. Und die Kinder packten mit beeindruckendem Eifer an: Sie hämmerten und sägten, bohrten und bauten. Das Grasdach wurde erneuert, Zäune wurden gesetzt und massive Holztore gebaut.
Ein besonderes Highlight war der Bau einer rund fünf Meter langen Mauer. Dafür hoben die Kinder zunächst gemeinsam ein großes Fundament aus, anschließend wurde Beton eingebracht und schließlich mauerten die Kinder Stein für Stein ihre eigene Mauer. Hier wurde unmittelbar erfahrbar, wie viel Arbeit, Genauigkeit und gemeinsames Anpacken notwendig sind, damit etwas Dauerhaftes entsteht. Auch eine Raufe aus Holz für die zukünftigen Bewohner wurde gebaut.
Dabei zeigte sich etwas, das unser Schulleben besonders auszeichnet: Schule ist Gemeinschaft. Auch Eltern packten tatkräftig mit an, brachten ihr handwerkliches Können, Werkzeug, Ideen und viel Zeit ein. Zwei Eltern begleiteten uns besonders intensiv und standen dem Projekt mit großem Engagement zur Seite. So wuchs aus einer Unterrichtsidee nach und nach ein echtes Gemeinschaftswerk.
Genau darin liegt ein wichtiger Gedanke der Waldorfpädagogik. Kinder sollen die Welt nicht nur kennenlernen, indem sie über sie sprechen und lesen. Sie dürfen sie mit Kopf, Herz und Hand erfahren und selbst gestalten. In der Hausbau- und Handwerkerepoche erleben sie ganz praktisch, wie aus einer Idee durch Wissen, Geschick, Ausdauer und Zusammenarbeit etwas Wirkliches entsteht. Es wird gemessen und gerechnet, geplant und ausprobiert. Manchmal gelingt etwas sofort, manchmal braucht es einen zweiten Versuch. Und schließlich können die Kinder vor ihrem Werk stehen und sagen: Das haben wir selbst geschaffen! Unser gemeinsames Richtfest war deshalb ein besonderer Höhepunkt.
Inzwischen sind die Kinder in der vierten Klasse angekommen – und die Geschichte geht weiter. In unserer Tierkundeepoche lernen sie, Tiere aufmerksam wahrzunehmen, ihre besonderen Fähigkeiten und Lebensweisen zu verstehen und ihre Beziehung zum Menschen zu entdecken. Das Schaf nimmt dabei natürlich einen besonderen Platz ein. Was könnte schöner sein, als das im Unterricht Gelernte schon bald mit dem lebendigen Tier zu erleben.
Denn nun warten wir sehnsüchtig auf den Einzug von drei Schafen. Und die Vorfreude ist längst auf die gesamte Schulgemeinschaft der Freien Waldorfschule Hannover-Maschsee übergesprungen. Die Tiere sollen unseren Schulalltag bereichern und Kindern über viele Jahre hinweg unmittelbare Begegnungen ermöglichen. Aus dem sanierten Stall soll so ein lebendiger Lern- und Begegnungsort werden, an dem Verantwortung, Fürsorge und gemeinsames Tun selbstverständlich zum Schulalltag gehören.
Dass wir dieses Herzensprojekt verwirklichen konnten, wurde auch durch die großzügige Spende der Hannoverschen Kassen ermöglicht. Dafür sind wir sehr dankbar. Ihre Unterstützung hat dazu beigetragen, aus einer Idee einen Ort entstehen zu lassen, an dem sichtbar wird, wie wir Schule verstehen: Lebendig, praktisch, gemeinschaftlich und mitten im Leben.
Und wenn hoffentlich bald drei Schafe durch das von Kinder- und Elternhänden gebaute Tor laufen, schließt sich für uns ein wunderbarer Kreis: Aus Unterricht wird Wirklichkeit, aus Lernen wird Erfahrung und aus vielen kleinen und großen Händen entsteht etwas, das bleibt.
Valerie Wille
